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TV mit geschlossenen Augen

Vor einiger Zeit begann mein Augenblinzeln vor dem Fernseher. Seit weniger Zeit schaue ich durch meine leicht geöffneten fünf Finger der rechten Hand auf die Scheibe. Gegenwärtig würde ich am liebsten die Augen zuhalten, aber dann könnte ich nichts mehr sehen.

Ich habe kein Problem mit Dioptrien-Stärke bzw. Schwäche. Der Grund: Die inflationären Bilderserien in allen Hauptnachrichten von bloßen Oberarmen. Mit der gezückten Injektions-Nadel oder der Nadel im Fleisch oder der Nadel, wie sie dieses gerade verlässt.

Ahnungslose würden mich, wenn sie mich fernsähen, unter die „Spritzen-Phobiker“ zählen. Ich würde wiederum den Ahnungslosen erzählen, was ich lernte über Ängste (gerichtete, diffuse, latente, punktuelle und was Phobie genauer ist). Aber mich sieht ja keiner fernsehen. Nur Christine, die zwar nicht blinzelt, auch keine geöffnete Hand vor die Augen hält, aber mich versteht. Denn sie hat die noch schwächeren Nerven und guckt ganz weg. Bis ich sage, dass es vorbei ist.

Nun bin ich mit Christine nicht allein. Ich kenne viele Klinikmitarbeiter, die gerne und gut spritzen – und auch weggucken, wenn sie selbst gespritzt werden Oder vor dem TV mit seinen Spritzen-Orgien sitzen. Nicht nur aus Eppendorf weiß ich  das, dem Lehrkrankenhaus auch unseres Instituts.

Noch nie haben derart viele Menschen in so kurzer Zeit derart viele Injektionen angeschaut: Spritze aufziehen, rein, raus, Pflaster. Die Spritzen-Spitzen zählte ich in den ARD-Hauptnachrichten mit 19 Oberarmen verteilt auf 15 Minuten.

In diesem neuen Zusammenhang medialer Berichte zu Massen-Spritzungen lernte ich vorletzte Woche das neue Verb: „Verimpfen“.

Nun bin ich zum prinzipiellen Ver--dacht erzogen worden vor Wörtern, die mit „ver“ beginnen. Es gibt sehr wenig „ver“, was positiv ist wie sich ver-gnügen oder „ver-führen“. Dagegen gibt es massenhaft „ver“ im Negativen,  was verflixt und verflucht und verdammt nochmal zu Verimpfungen führte.

Aber jetzt die Chance: „Verimpfungen“ warten nun in den Räumen, Hallen, neuzweck-gebundenen Schützenhäusern oder Groß- Arenen auf uns. Sie warten auf uns mit Kameras. Vor letzteren werden nicht einzelne, sondern gruppenweise Oberarmreihen gezeigt werden, Serien, kettenweise.

Die große Chance für uns Weggucker bei Spritzen im TV: Wir werden ebenso hart wie kostenlos an die Gewöhnlichkeit Spritzen trainiert wie andere an Spinnen und enge Fahrstühle.

Ein weiteres neues Wort über uns (aus dem Kanzleramt) „Impflinge“. Das klingt nach Massen. Wie die schwäbisch-badischen Lingen-Dörfer.  Das beglückende Gegenteil zu solchen Massen sind andere „Linge“: Säuglinge.

Gegenteile zeigen meist erstaunliche Ähnlichkeiten. Das Verhalten von Rechtsextreme und Linksextreme z.B. Nun also werden neben Säuglingen wir Betagten und Hochbetagten „Linge“. Impflinge. Nur, dass Säuglinge so wenig sind. Und wir Alten so viel.

19. Januar 2021

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