Von Zettelwirtschaft und Klavierstunde
Natürlich lebe auch ich mein Leben mit Frau, Töchtern, Enkelkindern, Nachbarn und Kollegen usw. usf..
Dass ich mit ihnen leben kann, verdanke ich Zetteln.
Die Zettelwirtschaft wurzelt in meiner frühen Kindheit. Alle die, die um mich waren, lebten mit Zetteln. Mutter, Großmutter, die Männer der Familie, allein schon vier Brüder meiner Mutter, sie alle lebten mit ihrem Kurz- und Langzeitgedächtnis und unterstützten dieses mit Zetteln, Zettelhaufen, Zettelbergen.
„Eilt!“, stand über den meisten Zetteln. „Bitte“ stand immer dahinter, wenn man für das Eilige jemandes Hilfe brauchte. Mal sauber geschrieben, mal in Eile hingekliert. Je unleserlicher desto eiliger.
Manches Eilige wurde überholt durch noch Eiligeres: „Bitte als allererstes!“ Sowas kam vom Haushaltsvorstand. Mutter. Großmutter und bezog sich auf Tisch-Decken, Einkaufshilfe, Abwaschen, Abtrocknen, Tisch abdecken. In Pfarrhäusern kamen hinzu Putzen von Abendmahlsgeräten, Altarleuchtern, Wegkratzen von Wachsresten auf Tuch solcher Zettel konnte noch getoppt werden: „Bitte sofort erledigen“. Da war das „Sofort“ in Großbuchstaben geschrieben. Mit 3 (drei) Ausrufezeichen.
Parallel zu dieser Sekundenschrift haben wir auch jenes Schreiben gelernt, das die Schule uns lehrte: Schönschrift. Ihr Gegenteil sind die Zettelfetzen, die uns von unseren Genies hinterlassen wurden. Dichter, Philosophen – sie nutzten Zettel als Beginn von manchem Großwerk.
Die, überhaupt Handschrift, ist am Verschwinden. Tablets sind dran, Keyboards. Längst verschwunden ist der Sound, der einem beim Betreten eines Raumes entgegenschwang, in dem mehrere Sekretärinnen das taten, was sie sollten: Schreiben durch Niederdrücken der Tasten mechanischer Schreibmaschinen.. Klack, Klack-klack (Marke Erika). Oder Tick, Tick-tick (Marke Olivetti).
Unter physiologischem Aspekt war unsere Vergangenheit als Autoren, Sekretärinnen und Schriftstellern gesünder: Denn die Tastaturen mechanischer Schreibmaschinen trainierten noch die Faszien, Sehnen, Muskeln. So wie die guten, alten Fingerübungen am Klavier. Jedoch - ein Zuviel nahmen die Finger übel.
Das Gegenteil – heutige Keyboards – fordern nur minimale Anschlagsintensität der Finger. Und schon gibt’s neue Probleme: Die Fingermuskulatur wird zu einseitig belastet.
Der Konzern IBM in New York bietet seinen schreibenden Mitarbeitern Zuschüsse für Klavierunterricht an. Für therapeutische Fingerübungen.
Nur, wer hat schon Klavier? Die Zettelwirtschaft boomt weiter.
31. März 2026